Karriere-Magazin

Arbeitsplätze geschaffen, Wohlstand erwirtschaftet 

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Arbeitsplätze geschaffen, Wohlstand erwirtschaftet 

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Es ist eine besondere Beziehung, die der ehemalige Volkswagen Konzernchef Carl H. Hahn zu Sachsen hat. Als 1989 die Mauer fiel, lenkte er Volkswagen – und forcierte den Aufbau neuer Werke im Osten. Ein Rückblick:

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Es ist eine besondere Beziehung, die der ehemalige Volkswagen Konzernchef Carl H. Hahn zu Sachsen hat. Als 1989 die Mauer fiel, lenkte er Volkswagen – und forcierte den Aufbau neuer Werke im Osten. Ein Rückblick:

  1. Arbeitsplätze geschaffen und Wohlstand erwirtschaftet

Und wo waren Sie, als Sie vom Mauerfall erfahren haben? Prof. Dr. Carl Horst Hahn jun. (93) steht an der Tür seines Autos, hält einen ganz kurzen Moment inne. Ein kleines Lächeln huscht über seine Mundwinkel, weil er weiß, dass seine Antwort jetzt unspektakulär ist: „Ich war daheim und hab‘ es übers Fernsehen erfahren.“ Er macht eine Atempause und fügt hinzu: „Es war ein sehr guter Tag für die Menschen, nicht nur für die Menschen in Sachsen.“ Wieso und warum? „Später mehr!“ Denn gerade hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns – Hahn steuerte den Konzern von 1982 bis 1992 – keine Zeit. Er muss los, an den Start der Oldtimer-Rallye Sachsen Classic. Heute steuert er einen Volkswagen Polo G40 aus der Sammlung von Volkswagen Classic, mit dem Baujahr 1992 verweist er ebenfalls auf die spannende Zeit des Aufbruchs.

Los geht‘s! Zum Start der Sachsen Classic 2019 in Dresden wird die sächsische Landesflagge geschwenkt. Carl H. Hahn am Steuer des Volkswagen Polo G40

Zum 17. Mal fuhren Ende August 2019 die Teilnehmer der Sachsen Classic mit rund 200 klassischen Automobilen durch historisch bedeutsame Orte rund um Dresden und Leipzig. Am Start der prestigeträchtigen Oldtimer-Rallye sind nicht nur fantastische Raritäten verschiedener Marken und Epochen der Automobilgeschichte, auch die Oldtimer-Besetzungen sind vielfältig: Prominente, Motorjournalisten, Automobilsammler – und auch mit quietschenden Reifen vorfahrende PS-Amateure. Einer fällt dadurch auf, dass er nicht auffällt: Carl H. Hahn. Zum einen, weil er sowohl für einen interessierten Oldtimer-Enthusiasten als auch für einen aktiven Fahrer gehalten werden kann, zum anderen, weil der hoch aufgewachsene 93-Jährige Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt.

Carl H. Hahn nimmt sich die Zeit für Plaudereien und ein – „ja, gerne doch“ – gemeinsames Foto und gibt Autogramme. Bei der Mittagspause am Alten Elbhof in Werdau bei Torgau, zwischen Leipzig und Dresden, sind es so noch mehr Gäste und Teilnehmer, die ihn um ein Selfie oder ein klassisches Foto bitten. „Es ist schön, dass Sie hier sind“, das hört er oft an den drei Tagen, als die Sachsen Classic durch dutzende Orte in Sachsen und Sachsen-Anhalt führt. Vielleicht auch einfach deshalb, weil man es Hahn anmerkt, dass er gerne hier ist.

Unterwegs in der Region, in der er geboren und aufgewachsen ist. Carl H. Hahn, überquert bei der Sachsen Classic 2019 im Volkswagen Polo G40 die Elbe in Dresden. Im Hintergrund: die wiederaufgebaute Frauenkirche (v. l.), Brühlsche Terrasse, Schlosskirche und Semperoper

Für seine Fans ist Carl Hahn schlicht: „Der Mann, der Volkswagen nach Sachsen brachte“. Der Volksmund gibt damit wieder: Hahn hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Volkswagen nach der politischen Wende in der DDR in Sachsen Fuß fasste – damals ein ganz wichtiges Signal, ein Startschuss für den wirtschaftlichen Aufbau Ost. Dieses Engagement sicherte zunächst Arbeitsplätze am Trabi-Standort Zwickau, der Motorenfertigung in Karl-Marx-Stadt (das heute wieder Chemnitz heißt) und in der Zylinderkopffertigung im alten Wartburg-Werk in Eisenach (bis zur Verlagerung nach Chemnitz, 1996). Neue Arbeitsplätze kamen mit Werksausbau und modernsten Fertigungsanlagen sowie in der Zulieferindustrie und im Handwerk dazu und brachten neuen Wohlstand nach Sachsen. Deshalb ist Carl H. Hahn nicht nur in dieser Region nach wie vor eine Persönlichkeit, die für Mut, Entschlossenheit und wirtschaftlichen Neubeginn steht.

Aber was verbindet Carl Hahn mit Sachsen?

Ich wurde 1926 in Chemnitz geboren. Und es wäre schlimm, wenn man sich nicht seiner Wurzeln erinnert – egal, wo man in der Welt ist.
Carl Hahn

Hahn kam schon im Kindesalter mit dem Auto­mobilbau in Berührung. Sein Vater arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg in führender Stellung bei DKW in Zschopau, in der Nähe von Zwickau, und später bei der neu gegründeten Auto Union in Chemnitz.

Historische Automobilhochburg Sachsen

Doch die Heimatverbundenheit von Carl Hahn ist natürlich nicht der einzige Grund, warum heute drei Volkswagen Werke in Sachsen stehen. „Schon in meiner Kindheit, als Schüler, habe ich den sächsischen Industriearbeiter kennengelernt, in seiner Kameradschaft, in seinem Pflicht- und Qualitätsbewusstsein. Die Sachsen waren schon seit der Industrialisierung immer Menschen, die unternehmerisch dachten und mit viel Kreativität arbeiteten. Sachsen war eine der Quellen des Automobils, aber auch der Kreativität auf sehr vielen Gebieten, etwa dem Maschinenbau“, erklärt Carl H. Hahn.

Eines seiner Lieblingsautos? Der Trabant. Bei der Sachsen Classic 2019 bleibt der frühere Volkswagen Chef seiner Marke treu und fährt einen 1992er Volkswagen Polo G40

Auch deshalb setzte sich Carl H. Hahn als Vorstandsvorsitzender dafür ein, „Ost-Kontakte“ zu pflegen – lange vor dem Mauerfall. So hatte Volkswagen schon 1978 Kompensationsgeschäfte mit der DDR gemacht – 10.000 Volkswagen Golf wurden exportiert, im Gegenzug erhielt Volkswagen zum Beispiel ERFURT-Großpressen und die optisch-technische Projektionsausstattung von Carl Zeiss Jena für das Planetarium Wolfsburg.

Unter Carl H. Hahn wurden diese Beziehungen in den 1980er Jahren vertieft. Hahn: „Wir versuchten immer, auch in Sachsen zu kaufen. Nicht nur die fantastischen Großpressen aus Erfurt, die wir konzernweit in die ganze Welt geschickt haben, sondern auch Bauteile wie Scheinwerfer aus Ruhla für den Volkswagen Golf. Die wurden zu einem großen Teil in Sachsen hergestellt.“ Dabei ging es Hahn nicht nur ums Geschäft: „Wir wollten auch ganz einfach helfen, weil wir wussten, wie miserabel es vielen Menschen ging, unter den schwierigen Verhältnissen, unter denen sie arbeiten mussten.“

Menschen eine Zukunft und Chancen geben

Und dann fiel am 9. November 1989 in Berlin nach 28 Jahren die Mauer und damit öffnete sich nach und nach die deutsch-deutsche Grenze – und Volkswagen stand gleich ganz vorn in der ersten Reihe. „Wir wussten durch unsere DDR-Projekte, wohin und zu wem wir gehen mussten – im Gegensatz zu allen anderen Fahrzeugherstellern. Wir kannten jeden in der Nomenklatura der Organisationen und konnten sofort konstruktiv arbeiten“, erinnert sich Carl H. Hahn. So habe Volkswagen einen Teil der DDR-Automobilfertigungsstätten übernommen, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg Automobilhochburgen waren: Horch in Chemnitz, DKW und Auto Union in Zwickau. Hier wurde zu DDR-Zeiten auch der Trabant gebaut. Hahn: „Das vielleicht Allerwichtigste: Wir versuchten nicht, nach Ostdeutschland zu exportieren. Wir waren ganz einfach engagiert als Geschwister. Wir waren Brüder, die sich halfen. In dem Sinne haben wir alle unsere Mittel genutzt, um den Menschen Chancen und eine Zukunft zu geben. Das Resultat kann man heute jeden Tag unter der Überschrift ‚blühende Landschaften‘ sehen.“

Sachsen Classic 2019, Startnummer 24: Carl H. Hahn, Volkswagen Konzernchef von 1982 bis 1992

Nach der Wende, zwischen 1990 und 1995, investierte Volkswagen umgerechnet 1,75 Milliarden Euro in den Aufbau Ost und schuf so die Basis einer automobilen Infrastruktur für Hersteller, Zulieferer und Entwickler. Knapp 30 Jahre später zieht Volkswagen Sachsen eine stolze Bilanz: Seit 1990 mehr als 5,8 Millionen Fahrzeuge und 16,4 Millionen Motoren.

Auch nach dem Überqueren der Ziellinie am zweiten von drei Rallye-Tagen der Sachsen Classic 2019 – nach mehreren hundert Kilometern hinterm Steuer– ruht das Interesse von Carl H. Hahn an der Wendezeit nicht. Leipzig? Da darf ein Besuch in der Nikolaikirche, die nur ein paar hundert Meter vom Hotel entfernt ist, nicht fehlen. Das Gotteshaus war in den 1980er Jahren Ausgangspunkt der Montagsgebete und Montagsdemonstrationen. Und hier trifft Hahn noch einen wichtigen Zeitzeugen des Systemumbruchs: Pfarrer Friedrich Magirius. Magirius war 1989 Superintendent, später Vorsitzender des Runden Tisches und dann erster frei gewählter Stadtpräsident von Leipzig. Hahn: „Wir haben einen Umsturz erlebt, und wir können für diese friedliche Revolution gar nicht genug dankbar sein. Das ist überhaupt die erste, die in der deutschen Geschichte geglückt ist – und Gott sei Dank ohne Blutvergießen. Und dieser Revolution folgte eine Entwicklung, wie sie noch nie jemand erlebt hat. Heute leben wir hier auf einem der höchsten Standards der Welt. Es ist eine totale Infrastruktur geschaffen worden, und zwar die neueste – in der Medizin, in der Industrie und auch für den Verkehr.“

Carl H. Hahn (l.) im Gespräch mit Pfarrer Friedrich Magirius, der 1989 Superintendent an der Leipziger Nikolaikirche, später Vorsitzender des Runden Tisches und dann erster frei gewählter Stadtpräsident von Leipzig war. Magirius führt Hahn durch die Nikolaikirche, die in den 1980er Jahren Ausgangspunkt der Montagsgebete und Montagsdemonstrationen war.
Mauerfall-Zeitzeugen in Leipzig: Carl H. Hahn (l.) und Pfarrer Friedrich Magirius, 1989 Superintendent an der Leipziger Nikolaikirche. Die Montagsgebete und Montagsdemonstrationen im Gotteshaus mündeten am 9. Oktober 1989 in der friedlichen Revolution in der DDR. Landesweite Bürgerproteste, die Forderungen nach Reisefreiheit und freien Wahlen führten einen Monat später, am 9. November 1989, zum Fall der Berliner Mauer und schließlich zur Öffnung der deutsch-deutschen Grenze.

Am dritten und letzten Rallye-Tag nutzt Carl H. Hahn diese Verkehrsinfrastruktur mit Genuss: am Steuer des dunkelblauen Volkswagen Polo G40 mit der Startnummer 24. Insgesamt fuhr er in den drei Rallye-Tagen sogar über 547 Kilometer, die mit etlichen Wertungsprüfungen gespickt waren, durch die grünen Landschaften zwischen Dresden und Leipzig. Und dies – fast zu malerisch – bei prächtigem Sonnenschein. Carl H. Hahn: „Ich bin einfach gerne unterwegs in Sachsen.“ Und Sachsen scheint ihn auch zu mögen. Sehr.

Zahlen und Fakten: Volkswagen in Sachsen (1990-2019)

Seine Karriere bei Volkswagen begann Carl H. Hahn 1954 als Assistent von Heinrich Nordhoff, Generaldirektor der damaligen Volkswagenwerk GmbH. Bereits ein Jahr später wurde Hahn Leiter der Exportförderung und wechselte vier Jahre später als CEO zu Volkswagen of America, wo Carl H. Hahn mit dem Käfer den US-Markt eroberte. Zurück in Wolfsburg, wurde er mit 38 Jahren zum Vorstandsmitglied für den Konzernvertrieb berufen. Nach Differenzen um die strategische Ausrichtung verließ er 1972 den Volkswagen Konzern. Anschließend führte Hahn in Hannover neun Jahre lang die damalige Continental Gummi-Werke AG und baute das Unternehmen zu einem internationalen Zulieferer aus.

1982 kehrte Hahn als Vorstandsvorsitzender zu Volkswagen zurück und setzte gleich das Thema China auf die Tagesordnung. Carl H. Hahn gilt als einer der Väter der Generation Golf sowie einer erfolgreichen Mehr-Marken-Strategie. In seine Amtszeit fielen die Übernahme von SEAT (1986) und Škoda (1991). Mit seinen strategischen Entscheidungen stellte Hahn die Weichen für den Aufstieg des Volkswagen Konzerns zu einem Global Player. Neue Produktionsstätten in China, Spanien, Portugal sowie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Tschechien, der Slowakei, Polen und Ungarn, die im Zuge seiner Globalisierungspolitik entstanden, schufen das Fundament, auf dem der Volkswagen Konzern zu dem wurde, was er heute ist – einer der weltgrößten Automobilhersteller.

Ende 1992 übergab Hahn sein Amt als Konzernchef an den früheren Audi-Chef Ferdinand Piëch (* 17. April 1937: † 25. August 2019) und wechselte in den Aufsichtsrat des Unternehmens, dem er bis Juni 1997 angehörte.

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