2.17.94.1, 2019-07-05 00:05:51

Sie lesen: Geräusch gesucht! Designerinnen über den Sound in E-Autos.

 

Geräusch gesucht.

 

Lesedauer: 5 Minuten

Seit es Autos gibt, bestimmt der Verbrennungsmotor das Sounddesign. Mit der E-Mobilität entsteht ein Ruheraum, den es zu gestalten gilt.

 

Wir sprachen dazu mit zwei Volkswagen Expertinnen. 

Da ist sie wieder. Die Frage nach dem Motorsound. Indra-Lena Kögler muss sie mit einem fragenden Blick beantworten, sichergehen, dass ihre Antwort verstanden wird. Zu wichtig ist sie für den weiteren Gesprächsverlauf. „Motorsound klingt stark nach der Verbrenner-Welt. Ich würde eher vom Antriebssound sprechen“, sagt die UX Designerin (Anmerkung: UX steht für „User Experience“, deutsch: „Kunden-Erlebnis“.—Damit sind die Eindrücke und Erfahrungen gemeint, die der Kunde beim Bedienen des Autos macht). „Wir versuchen keinen Motorsound nachzuahmen, sondern den Charakter der Elektroautos wiederzugeben“, ergänzt ihre Kollegin Valentina Wilhelm.

Mehr als 100 Jahre bestimmte er den Sound und dominierte das Design beim Auto: der Verbrennungsmotor. „Nun, im Zeitalter der Elektromobilität, fällt er weg. Dadurch entsteht eine neue Freiheit, die es zu erforschen gilt“, erklärte kürzlich Klaus Bischoff, Leiter Design der Marke Volkswagen. Für seine Designer ergibt sich dadurch ein völlig neues Betätigungsfeld. Zwei von ihnen, Indra-Lena Kögler und Valentina Wilhelm, erkunden die neu gewonnene Freiheit unter anderem beim ID. – dem ersten rein elektrisch konzipierten und betriebenen Volkswagen auf MEB-Basis.

Die Designerinnen Indra-Lena Kögler (l.) und Valentina Wilhelm (r.) im Austausch über die Rolle von Geräuschen im Alltag.

Sound als akustische Identität

„Wir haben keine mechanischen Restriktionen und können jedem Fahrzeug einen eigenen Sound geben“, sagt Valentina Wilhelm, als möchte sie noch mal klarstellen, dass hier nicht zwei Soundingenieure über den Verbrennungsmotor sprechen, sondern zwei UX Designer über die Klangwelt der E-Ära. Der Antriebssound ist natürlich wesentlicher Bestandteil für einen stimmigen Gesamteindruck. Der Sound eines Elektromotors kommuniziert, wie beim Verbrennungsmotor auch, Vortrieb, Dynamik, Kraft und Geschwindigkeit.

Seine Anforderungen an das Antriebsgeräusch hat Klaus Bischoff bereits formuliert: Er möchte, dass die Menschen einen vorbeifahrenden Volkswagen akustisch erkennen. „Jeder soll sofort hören, wow, das kann nur ein Elektrofahrzeug sein und der zweite Gedanke soll sein, klar, das ist ein Volkswagen!“, sagt er.

Sounds made by Volkswagen

Design und Technik haben in Wolfsburg schon immer eine besondere Rolle gespielt. Mit dem Elektroauto wird die Verantwortung nun viel größer. Ja, der Verbrennungsmotor ist bald nicht mehr der Wesenskern des Autos. Doch während die Idee des autonomen Fahrens und ihre Verheißung fast alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, übersehen viele, was heute schon stattfindet.

Eine Antwort auf die Frage nach der Rolle des Sounds in der E-Ära findet sich in Wolfsburg. Während in den Produktionshallen des Werkes reges Treiben herrscht, dominiert im Herzstück des Design Centers die Naturidylle mit Vogelgezwitscher. Der fensterlose Raum, ausgestattet mit eindrucksvoller Lichttechnik und auf einer Seite verspiegelt, nennt sich „Walhalla“. Hier werden dem Vorstand neue Automodelle vorgestellt. Eine 18 Meter lange Wand dient als Projektionsfläche für Präsentationen, wie sie heute auch die Designerinnen Indra-Lena Kögler und Valentina Wilhelm halten. Das eingespielte Vogelgezwitscher diene zur Einstimmung auf eine natürliche Umwelt.

Die Lichtdesignerin Valentina Wilhelm steht mit geschlossenen Augen vor einer 18 Meter langen Präsentationswand und lauscht der Ruhe.

Künstliches Antriebsgeräusch wird Pflicht

Autos müssen Geräusche von sich geben. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern ein bald gültiges EU-Gesetz: Ab Juli 2019 ist für alle neu entwickelten Elektroautos in der Europäischen Union ein „akustisches Fahrzeugwarnsystem“ (engl. „Acoustic Vehicle Alert System“, AVAS) vorgeschrieben. Zwei Jahre später darf dann kein Elektro- und Hybridauto ohne Akustiksystem zugelassen werden. Das künstlich erzeugte Geräusch ist bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h vorgeschrieben. Ab dann genügt das Abrollgeräusch.

Das Geräusch dürfen die Hersteller selber auswählen. Die EU hat aber Vorgaben. Ein Elektroautos muss, wie auch ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor, sein Fahrverhalten auch akustisch darstellen. Beethovens 9. Sinfonie ist also tabu. ;-)

„Die juristischen Vorgaben beziehen sich nur auf das Außengeräusch“, sagt Indra-Lena Kögler, die seit 18 Jahren bei Volkswagen arbeitet. Ihr Job sei es, im Innenraum eine akustische angenehme Atmosphäre zu schaffen. Der Fahrer soll dann entspannter durch den Verkehr kommen und nicht ständig Außengeräusche hören müssen. „Sounds sind für uns akustische Designlinien“, erklärt die ausgebildete Medien- und Kommunikationsdesignerin. „Licht und Geräusche ergänzen sich“, sagt Lichtdesignerin Valentina Wilhelm. „Beide sind wichtig für das multisensorische Erlebnis.“

»Die Ruhe ist die Grundlage, das Sounddesign die Kür.«

Indra-Lena Kögler

Indra-Lena Kögler zeigt auf die Präsentationswand: Ein Mann liegt mit geschlossenen Augen in einem, so scheint zumindest, fahrenden Auto. „E-Autos sind sehr leise“, sagt sie. „Und in einer ruhigen Umgebung kommt jeder Klang stärker zur Geltung.“ Dieser Satz, der so leicht klingt, weil er neue Möglichkeiten aufzuzeigen scheint, ist eine große Herausforderung. Denn das Entspannungserlebnis im Innenraum kann nur stattfinden, wenn auch die Art von Geräuschen eliminiert wird, die der Verbrennungsmotor bislang übertönte.

Fahrgeräusche, die herkömmliche Motoren mit zunehmender Geschwindigkeit überdeckt haben, sind nun durch den E-Antrieb präsenter und vermitteln ein anderes Gefühl von Geschwindigkeit. Dämmung und Material kommt somit eine höhere Bedeutung zu: Nur auf dem sogenannten „Klangbett der Ruhe“, so Indra-Lena Kögler, könne die Qualität der einzelnen Geräusche zum Tragen kommen: „Die Ruhe ist die Grundlage, das Sounddesign die Kür.“ Stille dagegen könne auch unangenehm sein. „Diese Art von Stille wollen wir nicht, wir wollen Ruhe“, sagt sie.

Vertrauen durch Geräusch und Klang

Bedient der Fahrer in einem Elektroauto den Blinkerheben, nimmt er das entsprechende Geräusch klarer und deutlicher wahr. Und so spielt der Sound auch für UX Designer eine zunehmend wichtigere Rolle. Die Mechanik ist das Spielfeld für das analoge Sounddesign. Auch sie kommuniziert, wie hochwertig etwas ist. „Die Geräusche müssen den Erwartungen entsprechen und wiedergegeben, was assoziiert wird“, sagt die 31-jährige Valentina Wilhelm.

„Ein Blinker ist zum Beispiel zu vergleichen mit dem Anstupsen einer Person, mit der man reden möchte“, sagt Indra-Lena Kögler. Da könne viel Vertrauen verloren gehen, wenn er falsch klingt, und viel Vertrauen aufgebaut werden, wenn er gut klinge. „Da schauen wir, wie der Lenkstockhebel am Lenkrad gestaltet ist und wie er mit dem Blinker zusammenspielt. Material, das hohe Töne erzeugt, kommt für uns nicht infrage.“ Sie legen Wert darauf, dass es satte Klänge sind. Es gehe schließlich um qualitative Assoziation.

Damit ihre Arbeit ein einheitliches Ergebnis ergibt, versucht das Team, die Designwerte von Volkswagen – etwa sympathisch, sinnlich oder innovativ – umzusetzen. Sympathie etwa bedeute, dass sich die Sounds an der Intonation der menschlichen Stimme orientieren.

Die Designerinnen haben aber auch ein übergeordnetes Ziel im Blick, nämlich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Elektroauto und Nutzer zu etablieren. „Ein Freund ist jemand, mit dem man gut kommunizieren kann“, sagt Indra-Lena Kögler. Das bedeute auch, schweigen zu können, weil man weiß, wie es dem anderen gerade geht.

Für eine Erinnerung oder Warnung würde man diese Stille unterbrechen und ein Gespräch starten. Und so sei es auch mit dem Elektroauto. „Es ist nicht permanent am Plappern und gibt nur Hilfestellung, wenn es angebracht ist“, sagt sie. Und nach diesem Satz herrscht Stille, nicht Ruhe.