2.17.94.1, 2019-07-05 00:05:51

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Model: Abbildungen zeigen Studien

 

Auf ein Wort mit
Chefdesigner Klaus Bischoff.

 

Lesedauer: 3 Minuten  |  Videolänge: 2:25 Minuten

Symphatisch, dezent und puristisch: Welches sind die ästhetischen Kernwerte der ID. Familie? Welche Rolle spielt die mit Hilfe von Computern erweiterte Realität in der täglichen Arbeit? Und: Welches ist sein Favorit aus der ID. Familie? Volkswagen Chefdesigner Klaus Bischoff gibt Antworten im Text und im Video.

Seit nunmehr drei Jahrzehnten prägt Klaus Bischoff das Design von Volkswagen. 1989 startete der gebürtige Hamburger als Interieur- und Exterieurdesigner in Wolfsburg. Seitdem hat er unter anderem das Design von vier Baureihen Golf und Passat, die SUV-Modelle Touareg, Tiguan und T-Roc, den Kleinwagen up! und die Premium-Limousine Arteon verantwortet. Doch nichts war für den 57-Jährigen so herausfordernd wie die Arbeit an den Fahrzeugen der kommenden ID. Familie. Hier erklärt Bischoff, der seit 2007 das weltweite Design der Marke Volkswagen mit mehr als 400 Mitarbeitern leitet, welche neuen Chancen und Freiräume die E-Ära für das Autodesign bietet.

Herr Bischoff, durch die Elektromobilität ändert sich auch die Arbeit von Autodesignern grundlegend. Was ist besonders neu für Sie?


Eigentlich ändert sich fast alles. Die Karten werden gerade neu gemischt – vom Handwerkszeug bis tief ins Produkt hinein. Es beginnt damit, dass ein Element, das von Beginn an die Gesetze des Autodesigns dominiert hat – der Verbrennungsmotor –, aus der Gleichung genommen wird. Dadurch entsteht ein neues Territorium, eine neue Freiheit, die es jetzt zu nutzen gilt. Für einen Autodesigner gibt es nichts Aufregenderes.

Ein E-Auto hat keinen großen Motor mehr, dafür eine große Batterie an zentraler Stelle im Fahrzeugboden. Was bedeutet das fürs Design?


Bislang wurde rund ein Drittel des Fahrzeugkörpers vom Motor eingenommen – daher die klassische Motorhaube mit Kühlergrill. Dahinter kamen Insassen und Kofferraum: ein Layout, das wir über Dekaden weiterentwickelt haben. Jetzt entsteht in einem Drittel des Fahrzeugs ein Vakuum, das es auszufüllen gilt. Darüber hinaus hat das Fahrzeug ein anderes Fundament, auch das verändert vieles, zum Beispiel sitzt man im E-Auto höher. All das erhöht aber unterm Strich unseren Freiheitsgrad beträchtlich. Auf der Bodenplatte, in welche die Batterie eingelassen ist, können wir relativ frei Insassen anordnen und das Kleid drumherum maßschneidern. Das ermöglicht völlig neue Produktcharaktere.

Das Video-Interview mit Klaus Bischoff.

Die schwere Batterie im Unterboden wirkt sich ja auch auf die Fahreigenschaften des Autos aus. E-Autos haben einen besonders niedrigen Schwerpunkt.


Genau. Auch im Innenraum ergeben sich so mehr Freiheiten. Bislang mussten ja auch Antriebsstrang und Räder gekoppelt werden, es gab immer den Mitteltunnel für die Kardanwelle. Das ist vorbei und schafft ungeahnten Spielraum im Innendesign. Durch Digitalisierung und Connectivity können wir dem Kunden völlig neue Erlebniswelten, neue Bedienphilosophien und insgesamt ein ganz anderes Fahrgefühl bieten.

In den vergangenen Jahrzehnten war das Autodesign stark von den Vorgaben aus Aerodynamik und Windkanal definiert. Schwindet dieser Einfluss in der E-Ära? Oder anders gefragt: Werden E-Autos möglicherweise markanter und unterschiedlicher aussehen?


Ich glaube auf jeden Fall, dass wir im E-Design einen Entwicklungssprung sehen werden, der mit den neuen Technologien korrespondiert. Diese Ära bietet uns Autodesignern die Chance, disruptiver zu agieren, Routinen infrage zu stellen und neue Territorien zu erkunden.

Kann man sagen, dass in der E-Ära der Innenraum eines Fahrzeugs immer wichtiger wird? Auch weil sich das Auto als Lebensraum weiterentwickelt und digitale Fähigkeiten neue Potenziale bieten?


Ja. Das Auto wandelt sich vom Fahrerarbeitsplatz, also einer ergonomisch-durchoptimierten Maschinensteuerung, hin zum voll vernetzten Wohnzimmer. Voluminöse Einbauten werden im Zuge der Digitalisierung leichter, schlanker, kleiner. Die Klimaanlage nimmt nicht mehr so viel Raum ein, weil sie großenteils in den früheren Motorraum wandert. Das alles ergibt großzügigere, wertigere Innenräume. Noch brauchen E-Autos Rückhalte- und Sicherheitssysteme. In der weiteren Zukunft wird sich das aber durch autonomes Fahren erledigen – und so noch deutlich mehr Design-Freiheit schaffen.

Steht die eigentliche Revolution erst mit dem autonomen Fahren bevor? Mit der fahrerlosen Mobilität fallen dann ja auch Lenkrad und Fahrerraum weg.


Ja, aber bis dahin sind es noch viele Schritte. Fürs Erste tun wir alles dafür, E-Autos für viele Menschen attraktiv zu gestalten. Die Demokratisierung von Mobilität hat Volkswagen groß gemacht. Nun können wir ein Unterwegssein für alle anbieten, das entspannter, ruhiger und genussreicher und sicherer denn je ist. Uns stehen spannende Zeiten bevor.
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Anfang 2020 kommt der neue Volkswagen ID. auf den Markt – das erste Modell der auf MEB-Basis konzipierten ID. Familie. Was macht für Sie die „ID. DNA“ aus?


Mit dem ID. versuchen wir, eine neue E-Familienidentität zu erzeugen. Jeder auf der Straße soll sofort sehen: Wow, das kann nur ein E-Auto sein! Und der zweite Gedanke: Wow, das kann nur ein VW sein! Die ID. Aura ist sympathisch, unaufdringlich und puristisch-klar. Also mit wenigen, aber sehr sensiblen Designelementen gezeichnet. Die Form ist sehr innovativ, eher auf Disruption als auf Kontinuität setzend. Wir wollen echte E-Persönlichkeiten präsentieren, auch um Hemmschwellen gegenüber der neuen Antriebstechnologie abzubauen. Dabei haben wir immer mit im Hinterkopf: Demokratisierung. E-Mobilität für alle. Das ist der Anspruch.

Haben Sie einen persönlichen Favoriten?


Vielleicht den ID. BUZZ* – weil dieses Fahrzeug auf einzigartige Weise die Vorteile der Elektromobilität verbindet mit einer einzigartigen markenaffinen Gestaltung: der Ursprung von Volkswagen, der Mythos Bulli, ganz neu erfunden.

Eine neue Rolle in der E-Ära spielt auch das Sounddesign – sicher eine reizvolle Aufgabe, ein lautloses Auto mit einem Sound auszustatten, der dann Teil der Markenidentität wird?


Das ist ein neues ganz Betätigungsfeld für klassische Autodesigner. Natürlich haben wir schon an Sounds gearbeitet – aber jetzt ist ein E-Fahrzeug ja quasi geräuschlos. Mit zunehmendem Tempo werden dann auch Fahrgeräusche, die man heute mit dem Motorgeräusch verdeckt, präsenter. Dämmung ist also wichtig – und wie sich die Dinge anhören. Jedes Klacken, jede Berührung, jede Betätigung von Schaltelementen nehmen wir deutlicher wahr. Das bietet ungeahnte Möglichkeiten. Zugleich werden Kunden stärker denn je über den Sound eine Marke spüren und erkennen. Eine Soundimitierung ist ja gesetzlich vorgeschrieben. Aber ich möchte schon, dass die Menschen auch am Sound erkennen: Da fuhr grad ein ID. vorbei!

Wie soll ein Volkswagen in Ihrer Vorstellung klingen?


Jeder Volkswagen braucht einen sympathischen, freundlichen, zurückhaltenden Auftritt. Also das Gegenteil von aggressiv, aufdringlich, nervend. Das erfordert ein Sound-Design, das einem auch beim zehnten Mal nicht auf den Wecker geht und den Tag angenehmer gestaltet.

Die Bedeutung von digitalen Möglichkeiten im Auto steigt in der E-Ära. Folgt daraus für Ihre Arbeit eine engere Kooperation mit Software-Entwicklern und Designern für Benutzeroberflächen?


Wir Autodesigner brauchen heute einen ganzheitlichen Anspruch. Es geht um viel mehr als reines Fahrzeugdesign. Wir sorgen über alle Touchpoints dafür, dass Menschen eine kohärente Markenphilosophie vorfinden. Ich muss zum Beispiel wissen – und gestalten, wie sich ein Volkswagen auf dem Smartphone anfühlt. Wie ich ein Feature auch via Tablet so nahtlos bedienen kann, dass es sich genauso wie im Auto anfühlt, mit demselben Klang, derselben Grafik, Gestaltung und Navigation. Unser Arbeitsfeld hat sich deutlich ausgeweitet.

Muss der Autodesigner von morgen mehr denn je ein UX-Designer (von „user-experience“, auch „Kundenerlebnis“) sein?


UX ist eher eine weitere Facette im generalistischen Anspruch, den dieses Berufsfeld heute hat. Mit purem Gestalten kommt man nicht mehr weit. Man braucht ein tiefgreifendes Verständnis für Markenwerte, Produktidentitäten und digitalen Fingerabdrücken.

Welche Rolle spielt per Computer erweiterte Realität heute in Ihrem Alltag?


Auch die Arbeitsmethodik hat sich verändert. Natürlich beginnt bis heute alles mit einer visualisierten 2D-Idee, ob auf Tablet oder Papier. Aber der Sprung in die dritte Dimension geht ungleich schneller und direkter. Ich setze mir eine VR-Brille (Spezialbrille mit integriertem Bildschirm auf dem künstliche Realität gezeigt wird) auf, fertige eine dreidimensionale Skizze an, kann mich mit Team und Vorständen gemeinsam in den virtuellen Fahrzeugkörper setzen. Und wenn es gefällt, kann ich den Entwurf direkt an den Windkanal schicken und den CW-Wert checken lassen. Früher haben solche Schritte Wochen und Monate gedauert. Der digitale Workflow macht uns agiler und effizienter. Was umso wichtiger ist, als meine Teams von Wolfsburg und Shanghai, São Paulo und Mexiko-Stadt aus arbeiten.

Wenn also Herr Diess fragt: "Wie sieht‘s denn aus mit dem ID. CROZZ, Herr Bischoff?" Dann setzen Sie ihm eine Brille auf und sagen: "Schaun Sie mal selbst, Chef!"?


Ja, das hat er auch schon gemacht. Und ehrlich gesagt: Er fand‘s ziemlich gut.


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