2.17.94.1, 2019-07-05 00:05:51

Sie lesen: Azubis halten die Erinnerung wach

 

Volkswagen Auszubildende halten Erinnerung wach.

 

Seit 30 Jahren fördert der Volkswagen Konzern in Kooperation mit dem Internationalen Auschwitz Komitee die Gedenkstättenarbeit. Regelmäßig helfen Auszubildende, die KZ-Gedenkstätten Auschwitz und Auschwitz-Birkenau als Erinnerungsorte zu erhalten.

 

Vor Ort mit Sophie und Daniel. 

Nachmittagssonne scheint auf alte Bäume. Im Gras liegen Eicheln. Neben den Resten roter Backsteinmauern steht eine junge Frau zwischen Gleichaltrigen. Schweigend hört sie einem Mann zu, der über Massenmord spricht. Er beschreibt, wie das Verbrechen ablief. Vor gut 70 Jahren. Genau hier: Die Mörder bringen ihre Opfer eingepfercht in Güterzügen. Sie zwingen sie sich auszuziehen. Dann treiben sie ihre Gefangenen weiter in ein nahes Gebäude. Tödliches Zyklon B breitet sich aus. Als alle bewegungslos am Boden liegen, schneidet ein Sonderkommando den Leichen die Haare ab, durchsucht sie nach Wertgegenständen, bringt sie ins Krematorium.

Sophie (Mitte) wollte mehr über das Schicksal der Häftlinge erfahren: „Wussten sie, dass sie sterben werden? Hatten sie Hoffnung?“

„Im Sommer des Jahres 1944 reichten die Kapazitäten bei weitem nicht aus, um alle Ermordeten zu verbrennen. Das Sonderkommando aus Mithäftlingen musste die Toten auf dem Gras aufschichten, sie mit Benzin übergießen und anzünden“, sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Mehr als eine Million Menschen ermordeten die Nazis zwischen 1940 und 1945 allein im ehemaligen NS-Konzentrationslager Auschwitz und im NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Der größte Teil der Häftlinge waren Juden aus vielen europäischen Ländern. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die wenigen Überlebenden.

 

Einige Tage zuvor in Wolfsburg. In einem nüchternen Bürogebäude sitzt Sophie Heck, die junge Frau, und spricht über ihre bevorstehende Reise nach Polen. Zusammen mit knapp 30 weiteren Auszubildenden von Volkswagen wird sie zwei Wochen lang in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz leben. Sie wird mithelfen, die KZ-Gedenkstätten zu pflegen und als Erinnerungsorte zu erhalten. Vor 30 Jahren haben das Internationale Auschwitz Komitee und Volkswagen dazu ein Gemeinschaftsprojekt begonnen – konzipiert und bis heute geleitet von Christoph Heubner. „So etwas wie in Auschwitz darf nie wieder passieren“, sagt Sophie. Die angehende Medientechnologin Druck hat viel über das Grauen gehört und gelesen. Jetzt sucht sie Antworten, die die Bücher nicht geben. „Ich möchte verstehen, was in den Häftlingen vorging. Wussten sie, dass sie sterben werden? Hatten sie Hoffnung?“

 

Mehr als

 

1 Million

Menschen wurden allein in Auschwitz ermordet.

Christoph Heubner ist Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Von ihm erfahren die Auszubildenden, wie der Massenmord in dem ehemaligen Vernichtungslager ablief.

»Bei den ersten Schuhen hatte ich Gänsehaut.«

Sophie

Sophie weiß, dass sie einstecken kann. In ihrer Freizeit ist sie Thaiboxerin. Während der Vorbereitungstage ist sie aber auch gewarnt worden, dass die Arbeit in Auschwitz Tiefschläge bereithält. Diese Erfahrung haben schon viele Auszubildende gemacht. „Es kann sein, dass ich weine, wenn ich die Kleidung ermordeter Kinder in den Händen halte“, sagt Sophie.

Für die 17-Jährige steht schon lange fest, dass sie während ihrer Ausbildung an der Gedenkstättenarbeit teilnehmen will. Das starke Interesse ist eng mit ihrer eigenen Familien-Geschichte verbunden. Ihre Vorfahren mussten während des Zweiten Weltkriegs in einem deutschen Arbeitslager schuften. Später ließ sich der Großteil der Familie im heutigen Kasachstan nieder, während es Sophies Ur-Großonkel aus der Zwangsarbeit bei einem deutschen Bauern nach Kanada verschlug. „Viele Jahre wussten seine Geschwister nicht, ob ihr Bruder lebt“, sagt Sophie. Erst 1961 fand sich die Familie wieder. In der Wendezeit kam ihre Mutter, später ihr Vater nach Deutschland, wo sich die Eltern auch kennenlernten.

Tag vier auf Sophies Reise. Eine Werkstatt in der Gedenkstätte. Die 17-Jährige sitzt an einem Tisch, neben ihr stehen zwei Kisten mit Schuhen. Sophie greift in eine der Kisten und holt einen Kinderstiefel heraus. Behutsam klopft sie auf die Sohle, vorsichtig saugt sie feine Stoffteilchen und Staub auf. Dann legt sie den Stiefel in die andere Kiste, die schon fast gefüllt ist. „Bei den ersten Schuhen hatte ich Gänsehaut“, sagt Sophie. Regelmäßig kommt ein Mitarbeiter der Gedenkstätte, um Kisten zu holen und zu bringen. Die gesäuberten Schuhe werden konserviert, um sie in der Besucher-Ausstellung zu zeigen. Berge von Schuhen, Brillen, Bürsten und Koffern führen dort das Ausmaß des Verbrechens vor Augen.

In einer Werkstatt der Gedenkstätte reinigt Sophie die Schuhe Ermordeter.

Ines Doberanzke-Milnikel, die die Gedenkstättenarbeit bei Volkswagen pädagogisch und organisatorisch betreut, weiß, dass die Aufgaben belasten können: „Deshalb achten wir auf Abwechslung und Austausch.“ Vormittags arbeiten die Auszubildenden für den Erhalt der Gedenkstätten. Nachmittags bekommen sie Führungen, sprechen mit Zeitzeugen oder unternehmen Ausflüge. Jeden Abend gibt es Gesprächsrunden mit Doberanzke-Milnikel und Heubner. Hier wird auch besprochen, wer am nächsten Tag welche Aufgabe übernimmt. „Niemand muss eine Arbeit machen, die er sich nicht zutraut“, sagt Doberanzke-Milnikel.

Ines Doberanzke-Milnikel betreut die Gedenkstättenarbeit bei Volkswagen pädagogisch und organisatorisch.

Am Rande des früheren Vernichtungslagers. Ein hoher Zaun markiert die Grenze zwischen Gefangenschaft und Freiheit. Angeleitet von einem Gedenkstättenmitarbeiter rollt eine Gruppe Auszubildender Stacheldraht ab, hebt ihn an und zieht ihn stramm. An einem der Zaunpfeiler steht Daniel Stepanov bereit, um die neue Lage Stacheldraht zu befestigen. „Der Stacheldrahtzaun ist ein Symbol für die Ausweglosigkeit der Gefangenen. Ohne ihn wäre Auschwitz nicht als Lager zu erkennen. Darum muss der Stacheldraht immer wieder erneuert werden“, sagt der angehende Kaufmann für Büromanagement. Anfangs sei die Arbeit schwer gefallen. Aber dann habe die Gruppe immer besser zusammengearbeitet.

»Wir haben gemerkt, dass wir hier wirklich gebraucht werden. Ein Einzelner könnte diese Aufgabe nicht erledigen.«

Daniel

Abend in der Jugendbegegnungsstätte. Die Auszubildenden haben Tee, Brot, Käse und Wurst von den Tischen geräumt. Einige spielen Tischtennis, andere sitzen am Teich und hören Musik. Auch das ist Teil der Reise: Entspannung, Freizeit, ein Hauch von Klassenfahrt. Die Teilnehmer kommen von Volkswagen Standorten in Deutschland und Polen, einige besuchen eine polnische Berufsschule.

Neben der Gedenkstättenarbeit soll das Programm den Austausch zwischen Auszubildenden aus beiden Ländern fördern. In einem internationalen Unternehmen wie Volkswagen gehören Weltoffenheit, Toleranz und Respekt zu den selbstverständlichen Bestandteilen der Berufsausbildung.

Der hohe Zaun am Rande des früheren Vernichtungslagers ist ein Symbol für die Ausweglosigkeit von Auschwitz. Auszubildender Daniel hilft, den Stacheldraht zu erneuern – und so die Erinnerung wach zu halten.

Hauptsache wir bleiben zusammen

An einem Tisch in der Nähe des Teichs sitzt Sophie. Sie erzählt, dass sie in einem der Schuhe einen kleinen Schatz gefunden hat: „Zuerst dachte ich, es wäre nur ein Stück Papier. Dann habe ich es vorsichtig herausgeholt und gesehen, dass es ein Teil einer alten Zeitung ist.“ Vermutlich diente das Papier dazu, die Schuhe an kalten Tagen etwas wärmer zu machen. Viel mehr ist noch nicht bekannt. Ist es eine Zeitung aus Ungarn, Polen, Griechenland? Wie könnte sie nach Auschwitz gekommen sein? All das wird jetzt untersucht, um das Schicksal des Schuh-Besitzers ein Stück greifbarer zu machen. „Ich wäre stolz, wenn ich dazu beitragen könnte“, sagt Sophie.

Hatten die Häftlinge Hoffnung? Das wollte die 17-Jährige auf ihrer Reise erfahren. Einen Teil der Antwort hat sie an diesem Tag bekommen. Christoph Heubner: „Während des Transports nach Auschwitz haben viele Familien gesagt: Hauptsache, wir bleiben zusammen! In den allermeisten Fällen wurde aber auch diese kleine Hoffnung gleich nach der Ankunft zerstört.“ Die Gefangenen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Wer arbeiten konnte, musste bis zu seinem Tod als Zwangsarbeiter schuften. Frauen, Kinder, Alte und Kranke dagegen wurden oft noch am gleichen Tag in den Gaskammern ermordet.

Zurück in Wolfsburg.

Tag drei nach der Rückkehr. Sophie sitzt wieder in dem nüchternen Bürogebäude in Wolfsburg und erinnert sich an ihre Reise nach Auschwitz. „Jeder sollte das gesehen haben“, sagt sie. Vieles könne man aus Büchern, Filmen oder in der Schule erfahren. „Aber erst vor Ort kann man sich vorstellen, wie unmenschlich es wirklich zuging.“ Besonders schlimm sei für sie eine Ausstellung gewesen, die das Schicksal ermordeter Kinder zeigt. Üblicherweise haben Besucher der Gedenkstätte dort keinen Zutritt.

Zusammen mit den anderen Auszubildenden hat Sophie beschlossen, dass ihr Einsatz gegen das Vergessen nicht mit der Reise enden darf. Gern würde sie noch einmal nach Auschwitz fahren, um wieder in den Gedenkstätten zu helfen. Aber auch zuhause wollen sich die Auszubildenden gemeinsam gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit stark machen.

Das haben sie sich fest vorgenommen. Sophie: „Wir alle haben gesehen, wohin es führen kann, wenn Rechtsextremisten an die Macht kommen. Das darf sich nicht wiederholen.“

»Ich weiß jetzt noch mehr zu schätzen, dass ich fast jeden Tag Zeit mit meiner Familie verbringen kann.«

Sophie

Auschwitz-Überlebende in Sorge.

Heubner unterstreicht, dass auch den Überlebenden des Holocaust das Gespräch mit Jugendlichen überaus wichtig ist: „Für viele ist es ihr Lebenselixier. Zofia Posmysz, eine polnische Journalistin und Schriftstellerin, sagt, die Begegnung mit jungen Menschen bestärke ihren Willen, noch ein bisschen auf dieser Erde zu bleiben.“ Darüber hinaus habe der Einsatz gegen das Vergessen eine hohe aktuelle Bedeutung. Heubner: „Es bereitet den Auschwitz-Überlebenden große Sorge, dass sich im Sog der AfD der Rechtsextremismus längst als eigenständige Kraft in der deutschen Gesellschaft zurückgemeldet hat: Der Hass, den er ausstrahlt und die Gewalt, die er propagiert, beunruhigen sie zutiefst.“

Auch Volkswagen hatte in der aktuellen Diskussion ein Zeichen gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung gesetzt. Vorstandsmitglieder, Betriebsräte und Belegschaft bezogen bei einer Informationsveranstaltung im Motorenwerk Chemnitz klar Position für Vielfalt und ein respektvolles, partnerschaftliches Miteinander. „Den Verlockungen von Populisten ist manchmal schwer zu widerstehen. Umso mehr gilt es, gegen Parolen zu sensibilisieren, aufzuklären, für Vernunft zu sorgen“, sagte Personalvorstand Gunnar Kilian.

30 Jahre Gedenkstättenarbeit.

  • Die Gedenkstättenarbeit und die Jugendbegegnungen in Oświęcim (deutsch: Auschwitz) sind ein gemeinsames Projekt des Internationalen Auschwitz Komitees und des Volkswagen Konzerns.
  • Das Internationale Auschwitz Komitee (IAK) wurde 1952 von Überlebenden gegründet, damit Auschwitz nicht vergessen wird. Im IAK sind Organisationen, Stiftungen und Holocaust-Überlebende aus 19 Ländern vereinigt. Das IAK informiert auf Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch auf www.auschwitz.info.
  • In den vergangenen 30 Jahren haben sich mehr als 3.000 polnische und deutsche Jugendliche, Berufsschüler aus Polen sowie Auszubildende aus dem Volkswagen Konzern, an den Jugendbegegnungen beteiligt.
  • Ziel des Programms ist die Sensibilisierung für die historische und gegenwärtige Verantwortung von Volkswagen, resultierend aus der Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus.
  • Seit 2008 gibt es zudem ein Führungskräfte-Programm, an dem bislang rund 450 Meisterinnen und Meister sowie Managerinnen und Manager teilgenommen haben. Zur Agenda gehören Treffen mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust. Das Internationale Auschwitz Komitees begleitet diese Begegnungen und Studienaufenthalte. Sie sind fester Bestandteil der Erinnerungskultur bei Volkswagen.