2.12.80.1, 2019-01-08 08:13:42

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Die Macht der

Farbe.

 

Blick hinter die Kulissen der Abteilung „Color and Trim". Zwei Designerinnen erklären die Bedeutung des „Third Place", sprechen über Inspiration und die neuen Trend-Farben.

Vom Genfer Showcar direkt in die Serie: Kurkumagelb Metallic

Vorsichtig schiebt Astrid Goering ein Schälchen mit dem Gewürz Kurkuma beiseite, um Platz zu machen für das sogenannte „Moodboard". Diese Schautafel zeigt unterschiedliche Gelbtöne: unter anderem ein Foto von leuchtenden Maisfeldern, das Etikett einer französischen Zitronenlimonade und die Stoffprobe einer italienischen Gardine. „Für die erste Inspiration sammeln wir alles! Diese Beispiele nutzen wir als Grundlage für das erste Gespräch mit dem Lacklieferanten. Dabei müssen wir ihm unsere Vorstellung vom finalen Farbton vermitteln: Mit feinem Charakter. Oder mit lebhaftem Funkeln, sobald die Sonne darauf scheint." erklärt Astrid Göring.

Sie und ihre Kollegin Susanne Gerken arbeiten bei Volkswagen in der Abteilung „Colour and Trim". Hier entwickeln die Kreativen ihre Konzepte: Farben, Stoffe und Materialien für die verschiedenen Modellgruppen.

»Auf dieses Gelb haben wir lange gewartet!«

Astrid Goering (re.), Designerin bei Volkswagen Colour & Trim

Gerken freut sich: „So ein lebendiges Gelb wie Kurkuma wäre vor zwölf Jahren technisch noch nicht möglich gewesen. Aber bei der Zusammensetzung der Farbpigmente hat sich einiges getan. Jetzt können wir es endlich anbieten". Sie ist mit ihrem Team für das Farbdesign im „B-Segment" zuständig. Dazu gehören zum Beispiel der Passat, der Sharan und auch der neue Arteon. Auf dem Genfer Salon 2013 wurde das Gelb zum ersten Mal gezeigt. Die Publikumsreaktionen auf die Farbe waren überwältigend. Deshalb kann nun jeder Kunde seinen Arteon in Emden im spektakulären „Kurkumagelb Metallic" lackieren lassen

Gerken, Goering und Kollegen entscheiden über Farbe und Material von allen Flächen, die von den Interieur- und Exterieur-Designern gestaltet wurden. Für den Innenraum bedeutet das die Qual der Wahl: Lederqualitäten, Stoffsorten und auch Holz, Aluminium oder Lack für Dekorleisten müssen ausgewählt werden.

Außerdem gehört natürlich die Farbauswahl für die Außenhülle dazu, inklusive der Felgen. Beim Beetle Cabrio kommen die verschiedenen Varianten der Stoffverdecke hinzu. Kurzum: Das Team belegt alle Flächen am Fahrzeug, die man innen und außen sehen und fühlen kann, mit passenden Materialien. Und das für alle Modelle und Märkte von Volkswagen. Für diese komplexe Aufgabe können sie aus einem Spektrum von rund 80 unterschiedlichen Außenfarben wählen. Und Lack ist nicht gleich Lack. Es gibt ihn als Uni-Variante, mit Metallic- oder Perlmutteffekt. Darunter sind Klassiker wie Tornadorot, Pure White oder das spektakuläre Oryxweiß. Aufwendig entwickelte Farbpartikel erzeugen brillanten Glanz und eine beeindruckende Tiefenwirkung.

Mit dieser großen Auswahl an Farben und Materialien trägt Volkswagen dem Individualisierungstrend Rechnung. Neben der Wohnung und dem Arbeitsplatz ist das Auto inzwischen der dritt-wichtigste Ort im Leben vieler Kunden. Sie wollen diesen sogenannten „Third Place", genau wie ihre Wohnung, individuell gestalten. Dabei ist die Auswahl nicht mehr auf die Farbe der Karosserie beschränkt. Beispiel up!: Der Kunde kann aus mehreren Lackierungen wählen und zusätzlich die Farbe der Außenspiegel, der Räder und des Daches entscheiden.

Was lässt sich kombinieren? Grün ist auf jeden Fall ein Trend.

Rosige Zukunft für alle Grüntöne

Solche Entwicklungen können gesellschaftlicher Art sein, wie zum Beispiel wachsende Mobilität, Digitalisierung oder auch Nachhaltigkeit. Sie beeinflussen neue Farbtrends. Diese werden zunächst in der Mode sichtbar, dann auf Möbeln und später in der Auto-Welt. „Solche Veränderungen werden auch von unseren Kunden wahrgenommen. Ihr Geschmack wandelt sich entsprechend.", erläutert Susanne Gerken. Jährlich entwickeln die Volkswagen Designer deshalb neue Trendfarben. Neben „Kurkumagelb Metallic" heißen die aktuellen Trendsetter „Atlantic Blue Metallic"(verfügbar zum Beispiel für den Touran) oder „Bottle Green Metallic" für Beetle und Beetle Cabrio.

Grüntöne insgesamt – von Moosgrün über Flaschengrün bis Viperngrün – sehen Gerken und Göring als neue Trendfarben. „Grün war bisher für Volkswagen nie eine wichtige Farbe. Das hat sich geändert. Durch Vernetzung und Globalisierung werden Gesellschaften durchlässiger und toleranter. Farben stigmatisieren nicht mehr.", prognostiziert Gerken der ehemals als Jägergrün verspotteten Farbe eine rosige Zukunft.

Bevor aber eine neue Farbe angeboten wird, vergehen mindestens zwei Jahre vom ersten Entwurf bis zum fertigen Lack. Daher müssen die Designerinnen mental quasi in der Zukunft leben. Inspiration findet Astrid Göring überall: „Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt: Wie weit reicht das Spektrum eines dramatischen Herbsthimmels? Welches Licht- und Schattenspiel bietet eine neue Glasfassade? Oder ich sortiere Knöpfe in einer Schachtel und denke: Die drei lassen sich toll kombinieren!"

Welchen Einfluss haben Farben und Materialien auf das Gesamtpaket?

Manche Farben können die Formgebung eines Fahrzeugs verstärken. Andere können die Formgebung aber auch schwächen oder komplett ruinieren. Im besten Fall bieten sie perfekte Unterstützung für jede Linie, jeden Radius und jede Kurve im Blech.

Allerdings zeigt erst die Kombination von Farben mit den passenden Materialien im Innenraum, ob das Gesamtpaket seine Wirkung entfaltet. „Wir wollen unsere Autos nicht verkleiden, sondern mit Hilfe von Farben und Materialien perfektionieren. Wir versuchen die Details so zu betonen, dass sie eine stimmige und starke Gesamtwirkung unterstützen.", erklärt Textildesignerin Gerken. Deshalb muss die Abstimmung innerhalb des Teams präzise funktionieren. Farbe ist ein hochkomplexes Industrieprodukt und daher eine Diva. „Am Schluss des Entwicklungsprozesses können wir an der Farbe nichts mehr ändern. Beim Sitzbezug kann man das Nähgarn nochmal wechseln.", erklärt Astrid Göring die Herausforderung für alle Beteiligten. Gerken und Göring arbeiten eng mit ihren Kollegen aus der Lackiererei, der Materialforschung und der Produktionsplanung zusammen. Gemeinsam wird beraten, welche Design-Aspekte betont werden sollen, welche Ausstrahlung zum Fahrzeug passt und was in der Großserie umgesetzt werden kann.

Nicht jede Farbe passt zu jedem Modell.

Zur Ausstrahlung von up! und Beetle passen Unifarben ohne aufwendige Metallic-Effekte. Der Farbton Denim Blue unterstützt die Formgebung des Beetle. Für die größeren Fahrzeuge aus dem Verantwortungsbereich von Susanne Gerken würde dieser Farbton nicht in Frage kommen. „Das Hellblau würde die großen Flächen des Touareg komplett neutralisieren. Das würde dann wie ein fahrender Legostein wirken.", schmunzelt Göring.

Die beiden Farbexpertinnen haben nur einen kleinen Spielraum für große Experimente: Nach ersten Gesprächen mit den Lacklieferanten bekommen sie innerhalb von fünf Wochen eine 10 mal 15 cm große Farbkachel.

Um zu sehen, ob die Farbe auch tatsächlich zum Fahrzeug passt, arbeiten sie mit Visualisierungen und 3D-Modellen. Der Test mit einem Wagen in Originalgröße wäre zu zeitintensiv. Die tatsächliche Wirkung auf dem jeweiligen Fahrzeugmodell erleben die Designerinnern erst am Ende des Entwicklungsprozesses. Dieses komplexe Abstimmungsverfahren ist durch zahlreiche Ansprüche und Vorgaben gekennzeichnet. Für den perfekten Abschluss brauchen Gerken und Göring all ihre Erfahrung, Kompetenz und Intuition. Dabei erhöht eine enge Zusammenarbeit mit den Kollegen aus der technischen Entwicklung die Erfolgsaussichten.

Volkswagen Werk in Bratislava: Lackiererei eines Touareg.

Maximale Strapazen für einen zehntel Millimeter.

Aus diesen Gesprächen mit anderen Fachbereichen wissen Susanne Gerken und Astrid Göring genau: Die optische Anmutung muss passen und die chemische Zusammensetzung muss strapazierfähig sein: Niederschlag, UV-Strahlung sowie Hitze und Kälte - um nur die wichtigsten klimatischen Belastungen zu nennen. Außerdem müssen die Lacke auf unterschiedlichem Blech und Kunststoff identisch wirken. Deshalb folgt die komplette Lackierung der Karosserie, mit allen Türen und Klappen als wichtiger, zweiter Schritt, direkt nach dem Karosseriebau. Dabei ist höchste Präzision erforderlich: Roboter bringen den Lack schichtweise auf das frische Blech.

Lackiererei eines Passat Variant im Volkswagen Werk Zwickau.

Während der Veredlung und Lackierung legen die Karosserien auf Förderbändern rund sechs Kilometer zurück. Erst wenn alle Schichten aufgetragen wurden, bekommt der Lack seine Qualität. Die fünf Schichten messen insgesamt gerade mal einen zehntel Millimeter – das entspricht der Dicke eines menschlichen Haares.

Neben dem zeitgemäßen und widerstandsfähigen Charakter ihrer Farbtöne sind die Designerinnen stolz auf den umweltschonenden Fertigungsprozess: Volkwagen arbeitet fast ausschließlich mit Lacken auf Wasserbasis. Zusätzlich wird der Lackierprozess kontinuierlich überprüft und weiterentwickelt. Das Ziel heißt: CO²-Emissionen reduzieren, um damit Energie und Kosten zu sparen.